Talente mehrwertbringend einsetzen...
...mit einem gängigen Leadership-Konzept als Hilfe, autistische Wahrnehmung im Arbeitsalltag besser zu verstehen und Lösungsansätze für Herausforderungen und Burnout Prävention zu finden.
Jeder Mensch braucht ein Umfeld, von dem er sich angenommen und verstanden fühlt, um gesund arbeiten und sein Potenzial entfalten zu können. Für Manager und Teamleiter ohne persönlichen Bezug zu Autismus ist es meist schwierig, ein Arbeitsumfeld zu prägen, wo Mitarbeitende im Autismusspektrum diese Bedingungen vorfinden. Denn was bedeutet es genau, Autist:in zu sein, und wie geht eine Führungsperson mit den Bedürfnissen dieser Personen um? Diese Unsicherheit steht einer erfolgreichen und gleichberechtigten Zusammenarbeit im Team oft im Weg. Viel Potenzial bleibt dabei auf der Strecke.
Ich möchte mit diesem Text durch die Analogie zu einem in der Wirtschaft gängigen Leadership- Konzept einen Beitrag für mehr Verständnis der autistischen Wahrnehmung in der Arbeitswelt leisten. Dieses Gedankenangebot soll Berührungsängste abbauen und Neugier und Offenheit wecken helfen.
Die Wirtschaft nutzt erklärende Modelle, um Herausforderungen und Chancen in unserer globalen und komplexen Welt greifbar zu machen. Sie dienen als Wegweiser für die Unternehmensführung und sind Hilfsmittel in Entscheidungsprozessen.
In den letzten 20 Jahren breite Anerkennung gefunden hat das VUCA-Framework. Das Bild, dass unsere Umwelt volatil, unsicher (uncertain), komplex (complex) und mehrdeutig (ambiguous) ist, ist Grundlage breiter Führungsarbeit. Allerdings reicht es seit der Pandemie und der sich zuspitzenden Klimaerwärmung nur noch teilweise aus.
Seit 2020 bietet BANI, ein neues Akronym des Futuristen Jamais Cascio, einen Rahmen für neue Denkmodelle. Und dieses BANI lässt sich von der Unternehmensebene auch auf den individuellen Menschen im Autismusspektrum übertragen.
Die Wahrnehmung und Herausforderungen der (Arbeits-)Welt im Autismus ist den Herausforderungen eines Managers und Unternehmers von heute sehr ähnlich!
BANI beschreibt nicht eine volatile, sondern eine chaotische Welt, wo Geschehnisse einem non- linearen, uns (noch) nicht verständlichen, Muster folgen. Es legt nahe, dass Chaos erst einer Stabilisierung bedarf, bevor Schlüsse für einzelne alltägliche Herausforderungen gezogen werden können. Erst in stabilisierter (oder durch stabile Annahmen / Erkenntnisse eingegrenzter) Lage ist eine Analyse der komplexen Situation möglich, und es können Herausforderungen gezielt sondiert werden, indem mögliche Lösungsansätze ausprobiert und angegangen werden.
Für mich bedeutet dies übersetzt in den Kontext des Autismus, dass die einzelnen Elemente einer Überforderung in der Situation der Reizüberflutung (dem Chaos) nicht sichtbar sind. Es bedarf erst einer Stabilisierung - sei dies durch Rückzug, Abschottung und/oder Erholung -, bevor einzelne Faktoren identifiziert werden können, welche einer Anpassung oder einer Bewältigungsstrategie bedürfen.
Die sensorisch angenehme Arbeitsumgebung (mit Rückzugsmöglichkeiten, ohne grelle Farben und Muster, mit Möglichkeiten, störende Geräusche auszublenden) und flexible Arbeitszeitmodelle (Gleitzeiten, Homeoffice, Teilzeit) sind wichtige Instrumente, um solche Stabilisierungsmöglichkeiten zu schaffen – und längst nicht nur das Bedürfnis von Autistinnen und Autisten.
«B» steht für «brittle»
B steht für «brittle», oder «brüchig» und beschreibt ein vermeintlich – nach aussen – starkes System, welches durch seine Komplexität und je nachdem auch starre Struktur anfällig ist auf Zusammenbruch. Im komplexen, verflochtenen System kann der Ausfall eines einzelnen Teils unvorhersehbare Folgen haben.
In unserer heutigen Arbeitswelt muss sich eine Person im Autismus Spektrum anpassen und verstellen, ihre Bedürfnisse «maskieren». Dieser Anpassungs-Aufwand ist anstrengend, und fordert seinen Tribut. Das «brüchig» sein ist also ein alltägliches Gefühl für einen Autisten: nach aussen stark und «funktional», aber in hohem Masse anfällig für Erschöpfung und Burnout.
Der Modell-Schöpfer Cascio gibt für die Unternehmenswelt auch jeweils pro Begriff einen Denkansatz mit, wie der jeweiligen Herausforderung begegnet werden kann:
Brüchigkeit erfordert Belastbarkeit und Resilienz.
Mit Autismus im Arbeitsalltag in Bezug gesetzt, würde ich Belastbarkeit und Resilienz mit Psychologischer Sicherheit übersetzen. Ein Umfeld, in dem Bedürfnisse und Belastendes offen und neutral besprochen werden können, wo Wertbeiträge im Vordergrund stehen und nach Möglichkeiten zur Unterstützung in Problemfeldern gesucht wird, erlaubt, die eine oder andere Maske ablegen zu können. Dies macht den Mitarbeitenden im Autismus Spektrum belastbar, resilienter und selbstwirksam.
«A» steht für «anxious»
A steht für «anxious», «ängstlich und besorgt». Angst kann Passivität auslösen, denn jede Entscheidung könnte falsch – katastrophal – sein. Oder zur Verzweiflung führen, wenn überall die negativen Konsequenzen einer Aktion allgegenwärtig sind. Die digitalen Medien verstärken dieses Gefühl, und zwar in rasantem Tempo.
Angst ist im Autismus allgegenwärtig. Angst vor dem nicht-verstanden-sein, der falschen Entscheidungen und Missinterpretation, dem nicht-können, dem Zuviel. Angst vor der Angst....
Unternehmer begegnen einem unsicheren, ängstlichen Umfeld am besten mit einer empathischen und achtsamen Haltung.
Dies gilt im Autismuskontext ebenso. Die Anerkennung, dass Angst vor Situationen, die zu Reizüberflutung führen können, hemmt und blockiert, ist wichtig. Die Anzeichen für diese deuten und verstehen lernen, hilft der betroffenen Person, die Energie für Bewältigungs-Strategien aufbringen zu können (und nicht für Maskierung). Wenn das Umfeld ein Verständnis gewinnt von den Faktoren, die Herausforderungen bergen, ist der Schritt zur Unterstützung schon fast getan. Der Hebel der Empathie und Achtsamkeit und die psychologische Sicherheit beeinflussen sich gegenseitig positiv. Ein Beispiel kann zum Beispiel die Akzeptanz und das Verständnis sein, dass Pausen in der Gruppe nicht für alle Erholung sind, und ein Fehlen am Teamgathering nichts mit fehlendem Zugehörigkeitsgefühl oder Engagement zu tun hat.
«N» steht für «non-linear»
N steht für «non-linear» - In einer nicht-linearen Welt sind Ursache und Wirkung scheinbar unzusammenhängend und nicht verhältnismäßig. Der Schmetterlingsflügelschlag löst am anderen Ende der Welt einen Sturm aus.
Für einen Menschen im Autismus Spektrum kann eine Unruhe, ein Reiz das Fass zum Überlaufen bringen. Eine scheinbare Lappalie hat einen ganzen Ausbruch an Gefühlen zur Folge, der Grundstress liegt aber woanders.
In der Wirtschaftswelt stellt man nichtlinearen Zusammenhängen Kontext und Adaptivität gegenüber.
Scheinbar unvorhersehbare Reaktionen auf eine bestimmte Situation, Bemerkung oder Gegebenheit verlangen Reflexion. Lassen sich mögliche Zusammenhänge erkennen? Wie hoch ist die allgemeine Stressbelastung? Welche Handlung oder Anpassungsleistung erfordert wieviel Energie – und wieviel bleibt? Je nachdem braucht es nebst dem geplanten Ablauf einen Plan B und C, um unvorhersehbare Stressspitzen zu managen.
«I» schlussendlich steht für «incomprehensible»
I schlussendlich ist «incomprehensible» - «unbegreiflich». Der Unternehmensberater und Future Designer Stephan Grabmeier umschreibt dies so: «Wir werden Zeugen von Ereignissen und Entscheidungen, die uns unlogisch oder sinnlos erscheinen. Sei es, weil die Ursprünge zu lange zurückliegen, sei es, weil sie zu unaussprechlich oder einfach zu absurd sind. (...) Außerdem sind zusätzliche Informationen keine Garantie für ein besseres Verständnis. Mehr Daten – selbst große Datenmengen – können kontraproduktiv sein, da sie unsere Fähigkeit, die Welt zu verstehen, überfordern und es schwierig machen, Rauschen von Signal zu unterscheiden. Unverständlichkeit ist in Wirklichkeit der Endzustand der „Informationsüberlastung“.»
Das Betriebssystem eines Menschen im Autismus Spektrum nimmt anders wahr. Eine Flut an Details, welche erst sortiert, interpretiert und dann verarbeitet werden wollen. Gerade im sozialen Zusammenleben sind codierte, widersprüchliche Signale (das eine sagen und das andere meinen) schwer zu verstehen und oft Quelle von Missverständnissen und Missstimmungen. Auch kann durch die Sortierarbeit eine Reaktion jeweils verzögert sein – und da das Gespräch bereits weitergegangen ist, ist der Kontext nicht mehr logisch.
Unverständliches verlangt Transparenz und Intuition.
Unverständliches soll übersetzt, ausgesprochen und erläutert werden. Dies schafft eine Verbindlichkeit und dadurch die nötige Vorhersehbarkeit, welche entspannt und fokussiertes Arbeiten möglich macht. Sich dabei als Führungsperson von der eigenen Intuition leiten lassen, wenn man Anspannung oder Leistungsabfall spürt, und dann auch nachfragen, ist wichtig.
Mir scheint das Mapping des BANI-Akronyms in den Autismus sehr stimmig. Es liefert Ansätze, wie einer scheinbar chaotischen, unverständlichen (Wahrnehmungs-)Welt allseits – durch den Autisten selbst, seine Vorgesetzten und die Teammitglieder - offen und ressourcen-orientiert gegenübergetreten werden kann.
Damit Potenziale frei werden und Zusammenarbeit gelingt.
Juni 2025, Bettina Horber